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Voltaire in Ferney

 

 

 

 

 

 

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 Voltaire wurde als François Marie Arouet am 21. November 1694 in Paris geboren und starb am 30. Mai 1778 ebenda. Er war einer der meistgelesenen und einflussreichsten Autoren der französischen und europäischen Aufklärung, so dass die Franzosen das 18. Jahrhundert auch als le siècle de Voltaire bezeichnen. In ihrem Kollektivbewusstsein nimmt Voltaire den Platz des Intellektuellen ein, der sich in den Dienst der Wahrheit, der Gerechtigkeit und der Gedankenfreiheit stellt. Als Symbol des Lichtes, der Aufklärung, schlechthin gilt Voltaire als Kämpfer gegen das Infame, wie er den Feudalismus und den religiösen Fanatismus bezeichnete. Sein Ideal ist nun nicht die Herrschaft des Volkes, der Plebs, sondern die durch die Philosophie aufgeklärte Monarchie, gemäßigt, tolerant und liberal. Eine solche fand er in etwa in Preußen in der Person Friedrichs II.  Die Waffe Voltaires war das Wort, geschrieben und gesprochen, klar formuliert und verständlich, dabei meist voller Sarkasmus und beißender Ironie.

 

Die frühen Jahre

Das macht ihn nicht zum Liebling am Hof von Versailles. Seine Lettres philosophiques werden verboten. Er landet in der Bastille, flieht dann nach England und geht 1749 nach Potsdam, doch sein erhoffter Einfluss auf den roi philosophe ist beschränkt. Das Auf und Ab in der Beziehung zwischen dem König und dem Philosophen dauert bis 1753. Im Jahre 1754 möchte Voltaire nach Paris zurück, doch dort ist er weiterhin persona non grata.  

 

Der jüngere Voltaire.
(Portrait au Château de Ferney)

 

 

Aufenthalt in Genf

Auf der Suche nach einer Stadt mit einem Verlagshaus für seine Werke lädt ihn der Verleger Cramer nach Genf ein. Mit seinem beträchtlichen durch den Verkauf seiner Bestseller und einem durch Spekulationen erworbenen Vermögen hat Voltaire die angestrebte finanzielle Unabhängigkeit. So erwirbt er auf dem linken Seeufer ein größeres Grundstück mit einer Bleibe, die er begeistert Les Délices nennt und die heute noch als Genfer Park existiert. Anfangs schreibt er eine Liebeserklärung der Stadt, die ihm zunächst als Heimat der Freiheit gilt. Bald jedoch gerät er, der den Luxus, die Gaumenfreuden, die Gespräche und das Theater als die entwickeltste Form des menschlichen Zusammenlebens liebt, mit den kalvinistischen Geistlichen Genfs in Konflikt, zumal mehrere seiner Werke verboten werden. Voltaire war aus dem milden römisch-katholischem Regen in die kalte kalvinistische Traufe gekommen. Der vollständige Bruch mit den Autoritäten erfolgt 1757, als D'Alembert nach seinem Besuch in Les Delices Voltaires Enzyklopädieartikel über Genf veröffentlicht.  Darin lobt er in seiner feinen ironischen Weise die Genfer Pastoren, die den Aberglauben bekämpfen und dabei weder an die Hölle, noch an die Göttlichkeit Jesu glauben. Gleichzeitig fordert Voltaire die Genfer auf, den Verfassungsartikel über das Verbot des Theaters aufzuheben. Der Skandal dringt bis nach Paris. Darauf verbietet Ludwig XV. die Veröffentlichung der Enzyklopädie.  

 

In Ferney

Mit der Bemerkung, in Genf sind die Priester wie überall sonst, erwirbt Voltaire im Jahre 1759 ein Gelände in Ferney, dem französischem Grenzdörfchen bei Genf. Hier außerhalb des kalvinistischen Roms und weit entfernt von Paris fühlt er sich vor dem Angriff und Zugriff der Mächtigen sicher. Auf seinem eigenen Grund ist er der Meister: Ich habe die Berufung des Menschen gefunden. Gott hat ihn frei geschaffen, und ich bin frei geworden. Hatte Goethe diese Zeilen gelesen, wenn er im 5. Akt von Faust II, Faust sagen lässt: Und so verbringt, umrungen von Gefahr, Hier Kindheit, Mann und Greis sein tüchtig Jahr. Solch ein Gewimmel möcht ich sehn, Auf freiem Grund mit freiem Volke stehn, denn nach einigen Jahren kann Voltaire stolz verkünden: Aus einem Flecken mit 40 Seelen wurde ein wohlhabendes Städtchen, das von 1200 nützlichen Einwohnern bevölkert wird.  

 

Was war geschehen? Schon seit den Anfängen des 14. Jahrhunderts hatte es an dem Ort ein Schlösschen gegeben und im Jahre 1453 hatte der Herzog von Savoyen dort die Lehensherrschaft Fernex errichtet. Das Schloss brannte im Lauf der Geschichte mehrmals ab. Voltaire erwarb den Grund mit einem Gebäude, welches Guillaume de Budé um 1760 hatte um- und ausbauen lassen. Die notarielle Übergabe findet am 9. Februar 1759 statt auf den Namen von Mme Denis, Voltaires Nichte. Sie ist als Witwe eines adeligen Offiziers von verschiedenen Steuern befreit, was dem geldinteressierten Voltaire sehr entgegen kommt, zumal Mme Denis, seine Maîtresse, sa fauvette (seine Grasmücke) ist. Bald sieht sich Voltaire durch die vielen Besucher bedingt als aubergiste de l'Europe (Gastwirt Europas) und heißt deshalb 1765 den Architekten Léonard Racle zwei Seitenflügel anbauen. Der neue rechte Flügel beherbergte die Räume Mme. Denis', im linken Flügel empfing Voltaire seine Besucher.

 

In Katharina der Großen hatte Voltaire eine besondere Verehrerin. Sie ließ sich nicht nur ein Modell des Château de Ferney schicken, um eine Kopie davon im Park von Zarkoje Selo zu errichten, sondern ließ auch nach der Natur in Ferney die Voltairiaden malen, die das tägliche Leben und die Begegnungen Voltaires mit Zeitgenossen zeigen. Mme Denis lebte 24 Jahre in Ferney, doch sie blieb in ihrem Herzen Pariserin und war froh, nach dem Tode Voltaires 1778 dem Ort den Rücken kehren zu können. Die Bibliothek Voltaires verkaufte sie an die Zarin.  

 

Nach dem Schloss lässt Voltaire die Dorfkirche herrichten mit einer Inschrift: Für Gott gebaut von Voltaire 1761, wobei "Skandal!" Voltaire mit größeren Buchstaben als Deo geschrieben ist. Aus einer Scheune wird ein Theater. Als es in Genf zu einer sozialen Krise kommt, ziehen viele Handwerker nach Ferney: Ich kann wohl sagen, das sind ausgezeichnete Handwerker, denn sie arbeiten gut und für die Hälfte des Lohns der Uhrmacher in London und Paris. So gibt es bald vier Uhr-Manufakturen in Ferney. Allein 1773 werden 4000 Uhren mit einem Gesamtwert von 400 000 Livres hergestellt. Voltaire lässt Sumpfland trocken legen, betreibt Seidenraupenzucht und eine Seidenstrumpf-Manufaktur. Daneben lässt er auf seine Kosten im Dorfe Wohnhäuser errichten und die Straßen pflastern. In seinem Roman Candide schreibt er: Die gesamte kleine Gesellschaft band sich in die löblichen Pläne ein; jeder entwickelte sein Talent. Die kleine Erde gab viel her. Kunigunde war in Wahrheit wohl hässlich, doch sie wurde eine ausgezeichnete Konditorin. Paquette stickte, die Alte kümmerte sich um die Wäsche. Es gab niemanden der sich nicht nützlich machte, wie etwa Bruder Giroflée, der ein sehr guter Schreiner war und der sogar zu einem Ehrenmann wurde. Als Pangloss Candide eine längliche Rede hält, antwortet der nur: Das ist gut gesprochen, doch jetzt müssen wir unseren Garten bestellen.  

 

Viele von Voltaires Werken entstehen in Ferney. Auch legt er sich weiter mit der Amtskirche an. Als Ludwig XV. im Jahre 1764 den Jesuitenorden in Frankreich verbietet, nimmt der Patriarch, wie Voltaire respektvoll von seinen Bürgern genannt wird, demonstrativ seinen Beichtvater Pater Adam im Schloss auf und zahlt ihm sogar eine Pension. Wütend entzieht der zuständige Bischof von Genf mit Sitz im katholischen Annecy Père Adam 1765 die Befugnis, eine Beichte abzunehmen. Ab 1768 darf er auch keine Messe mehr lesen. Generell verbot Papst Clemens XIV. auf Druck der Könige von Frankreich, Spanien und Portugal den Jesuitenorden 1774, was Maria-Theresia übrigens sehr bedauerte. Persönlichkeiten aus ganz Europa pilgern nach Ferney. Ein Besuch bei Voltaire gilt der mondänen und intellektuellen Elite Europas als Ritus der Initiation, so wie Mme du Deffard 1766 an Voltaire schreibt: Euer Alter ist eine Apotheose; bereits als Lebender seid ihr vergöttert, Ferney ist der Tempel zu dem man aus allen Himmelsrichtungen pilgert, um ihnen zu huldigen. Der Alte Fritz meint: Früher sind die Dummen nach Jerusalem oder Loreto gepilgert; jetzt geht jeder, der glaubt, von Geist zu sein, nach Ferney. Doch es sind auch die Großen wie Chateaubriand, Stendhal, Alexander Dumas der Ältere, Michelet, Gogol, die nach Ferney kommen und sich von den geschäftstüchtigen Dorfbewohnern den x-ten Spazierstock Voltaires zum Kauf aufschwätzen lassen.  

 

 

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Voltaire und Friedrich II.

Doch kehren wir zum Verhältnis Friederich II. Voltaire zurück. Zuerst getroffen haben sie sich 1740 kurz nachdem Friedrich König geworden war im preußischen Kleve. Die niederrheinischen Herzogtümer Jülich, Kleve und Berg hatte einst Friedrichs Vorfahr der brandenburgische Kurfürst Johann Sigismund erworben, nachdem er aus erbpolitischen Gründen vom lutherischen Glauben zum Calvinismus übergetreten war, wie es so schön heißt: Zu Weihnachten 1613 feierte er das Abendmahl ohne päpstliche Zusätze, nach Form und Weise, wie es bei der Apostel Zeit und in den reformiert evangelischen Kirchen bräuchlich ist.  

Bei ihrer ersten Begegnung ist Friedrich von Voltaire tief beeindruckt: Er hat die Eloquenz des Cicero, das Einschmeichelnde des Plinius, dazu die Weisheit Agrippas. Sein Geist arbeitet ohne Unterlass. Wir waren außer uns vor Entzücken, und ich konnte ihn nur bewundern und schweigen. Man hatte sich schon vorher Briefe geschrieben und auch nach dem Zusammentreffen vor allem bewundernd. Friedrich: Ihr Genie ist eine Fackel, welche die Welt erleuchten muss und Voltaire im Gegenzug: Ich habe erkannt, dass es auf der Welt einen Prinzen  gibt, der als Mensch denkt, einen Fürsten-Philosophen, der die Menschen beglücken will.  

 

Als 1775 Voltaire Friedrich II. bittet, ihm eine Portrait zu schicken, antwortet der: Ich kann Ihnen nur das schlechteste in meinem Lande schicken (Portrait au Château de Ferney)

 

Schließlich kann Friedrich ihn mit dem Salär eines Staatministers nach Potsdam ziehen und stichelt: Gern verbinden Sie das Nützliche mit dem Angenehmen, begrüßt Voltaire aber dann doch begeistert: Sie sind Philosoph, ich bin es auch. Was gibt es Natürlicheres, Einfacheres und Richtigeres, als dass Philosophen, die dafür geschaffen sind, zusammen zu leben, sich diese Befriedigung gönnen. Als Voltaire aber dann politisch mitreden will, weist in Friedrich zurück: Ich denke nicht, mit Ihnen über Politik zu parlieren, das hieße, seiner Geliebten eine Tasse Kräutertee zu reichen. Die Atmosphäre vergiftet sich langsam: Voltaire sagt über die Gedichte, die Friedrich ihm zur Korrektur sendet: Der König wird nicht müde, mir seine schmutzige Wäsche zum Waschen zu schicken. Friedrich: Ihr Herz ist noch hundertmal schändlicher, als Ihr Geist schön ist.  

 

Voltaire reist ab und muss alle Geschenke abliefern: Mit Zärtlichkeit empfing ich es, mit Schmerzen geb' ich's Ihnen wieder; so gibt der Liebende in seiner höchsten Liebesglut, Seiner Geliebten das Portrait zurück. Häufig heißt es, Voltaire habe von Sans Souci silberne Löffel mitgehen lassen. Tatsächlich lässt Friedrich Voltaire zusammen mit Mme Denis in Frankfurt in Polizeigewahrsam nehmem, weil er einen persönlichen Gedichtband des Königs mitgenommen hatte.  

 

Le vieux malade de Ferney im September 1977

Voltaire rächt sich auf seine Weise. Sich an einen Ausspruchs Friederich erinnernd: Er (Voltaire) hat die Freundlichkeit und die Boshaftigkeit eines Affen, hält er sich in Ferney einen bissigen Affen dem er seinen Spitznamen für Friedrich gab: Luc. Das Wappentier Preußens, den Adler, sperrt er in einen Käfig.      

 

Voltaire stirbt in Paris

Nach 30 Jahren in Ferney kehrt Voltaire am 5. Februar 1778 nach Paris zurück, um seine letzte Tragödie, Irene, eines seiner schwächeren Theaterstücke zu promoten. Der Empfang und die vielen Empfänge für den Heimkehrer sind überwältigend. Mit seinen 84 Jahren zehrt er von seinen letzten Reserven. Er stirbt am 5. Mai 1778 in Paris.

 

Literatur

Christophe Paillard, Voltaire en son château de Ferney, Editions du Patrimoine, Paris 2010

Annette Grossbongardt, Ihr Genie ist eine Fackel, Spiegel Geschichte 2, 52, 2010

 

 

This page was last updated on 07 Mai, 2017