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Lässt sich Political Correctness übertreiben?

 

 

 

 

 

 

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Auf einem Flug nach New York las ich in der Wochenzeitung Die Zeit vom 14. Dezember 2006 in einem vorweihnachtlichen Artikel von Iris Radisch mit dem Titel: Kaufen, kaufen, kaufen! über die Kaufszene in Manhattan: Vom Christfest ist in New York nicht mehr viel übrig. Niemand wünscht Merry Christmas, überall heißt es multikulturell korrekt: Share the wonder of the season. Bloomingdale's feiert in seinen Dekorationen gleich alles auf einmal: Christmas, Chanukka, Kwanzaa, das Fest der St. Lucia, das Fest der Befana, das Fest des St. Basil*, sicher ist sicher, es gibt so viele wunderbare Geschichten auf der Welt, und jede Geschichte ist ein Grund mehr, sein Geld auszugeben.

*Siehe Erläuterungen zu den Festen am Ende des Textes

 

Dieser Passus brachte mich auf die Idee, Lässt sich Political Correctness übertreiben als Diskussionsthema für den Stammtisch der FMG vorzuschlagen.

 

Was nun die Weihnachtszeit betrifft, so wurde ich an eine Biografie (von wem?) erinnert, in der sich ein aus Deutschland vertriebener Jude an seine Jugend in Berlin erinnert. Damit die jüdischen gegenüber den christlichen Kindern nicht mit leeren Händen dastanden, wurde zeitgleich mit Weihnachten das jüdische Lichterfest Chanukka gefeiert, an dem ebenfalls gute Wünsche und Geschenke ausgetauscht werden.

 

Das hatte mit political correctness zu tun wie auch jene Geschichte vom 12. Dezember vergangenen Jahres, als Rabbi Elazar Bogomilsky beim Betrachten der vielen Weihnachtsbäume im Seattle-Tacoma-Flughafen das Fehlen eines siebenarmigen Leuchters zum jüdischen Lichterfest bedauerlich fand. Er drohte daraufhin dem Flughafen mit einer Klage, sollten die Verantwortlichen der Gerechtigkeit halber nicht auch eine Menora im Gebäude aufstellen Der siebenarmige Leuchter als eines der wichtigen Symbole des Judentums sollte die kulturelle Vielfalt der Region im Nordwesten der USA widerspiegeln.

 

 Die Weihnachtsbäume wurden daraufhin entfernt. Die Flughafenbehörde hatte nach Beratung mit ihren Anwälten entschieden, auf jeglichen Schmuck zu religiösen Festen zu verzichten. Denn nach dem Aufstellen der Menora hätten auch andere ethnische und religiöse Gruppen das Anbringen ihrer Symbole verlangen können, hieß es.

 

 

Definition und Ursprünge von Political Correctness

 

Der Begriff Political Correctness hat eine geschichtliche Entwicklung hinter sich. So sollte ursprünglich der Parteilinie der Marxisten-Leninisten politisch korrekt beschrieben werden. Später verwendeten dann einige Linke den Begriff, um antidiskriminierende konservative Ansichten der Rechten als politisch nicht korrekt anzuprangern. Danach schlug das Pendel zurück, indem Konservative Political Correctness als ein untaugliches Mittel der Linken zur Überwindung der Diskriminierung von Randgruppen geißelten.

 

 Häufig wird dem Begriff lediglich eine Alibifunktion zugeschrieben: Mit Änderungen unserer Sprachgewohnheiten sollen die in Wirklichkeit nicht stattfindenden sozialen Veränderungen im Hinblick auf die Diskriminierung etwa von Frauen, Farbigen, Behinderten und Andersgläubigen verschleiert werden.

 

 

Schon seit 1845 Ansätze von politischer Korrektheit auch in Deutschland

 

Einerseits lassen sich Ansätze von politischer Korrektheit bereits 1845 beim Kinderarzt Heinrich Hoffmann feststellen. Dies ausgerechnet in seinem Buch Der Struwwelpeter von der modernen Kritik als brutal und nicht kind- und zeitgerecht gegeißelt. Doch auch heute noch erfreut sich das Buch bei Vorschulkindern großer Beliebtheit.

 

Im Struwwelpeter findet sich die Geschichte von den bösen Buben, die den kohlpechrabenschwarzen Mohren ob seiner Hautfarbe auslachen. Da mahnt der große Nikolas:

 

Ihr Kinder hört mir zu
Und lasst den Mohren hübsch in Ruh!
Was kann denn dieser Mohr dafür,
Dass er so weiß nicht ist wie ihr.

 

Dann taucht er die bösen Buben in ein Tintenfass, so dass sie schwärzer als der von ihnen verspottete Mohr sind.

 

Andererseits ist es heute in Deutschland nicht mehr politisch korrekt, eine Person dunkler Hautfarbe als Mohr oder Neger zu bezeichnen. In USA wird in den Schulausgaben von Huckleberry Finns Abenteuer das Wort nigger in slave oder folks geändert. Offiziell spricht man drüben korrekt von persons of African race, während bei uns das Wort Rasse seit 1945 ein Unwort ist und aus dem Sprachgebrauch verbannt wurde.

 

 

Politische Korrektheit, was steckt dahinter?

 

Hinter politischer Korrektheit steckt die Hypothese, dass sich durch Änderung im Sprachgebrauch unterschwellig beim Sprechenden die Akzeptanz für Rand- oder abgegrenzte Gruppen erhöht.

 

Zigeuner und auch gypsy sind  negativ besetzt, also verwenden Medien und Politik bei uns als vorgeblich politisch korrekt den Ersatzbegriff Sinti und Roma. Ob diese Bezeichnung die Ansichten in der Bevölkerung über Zigeuner verändert? Eingehandelt hat man sich dagegen den Vorwurf, dass mit Sinti und Roma nun andere Gruppen von Zigeunern wie etwa die Manouches, Jenischen oder Kalé diskriminiert werden. Die gute alte Operette wurde durch das Musicals verdrängt. So bleibt es uns erspart, dass aus Der Zigeunerbaron politisch korrekt? Der Romachef wird.

 

In den USA wird peinlichst darauf geachtet, Volksgruppen im Sprachgebrauch korrekt zu bezeichnen: Es gibt African American people, Native AP, Asian AP, Hispanic-AP, Jewisch people, persons who are older, persons with disabilities, persons who are homosexual.

 

 

Hier tobte einmal der Geschlechterkampf

 

Mann-Frau oder besser Frau-Mann? Heute werden beide Formulierungen als nicht geschlechtsneutral abgelehnt. Aus clergywoman und clergyman wird member of the clergy, landlady und landlord verkommen zu owner, motherland und fatherland heißen jetzt native land, stewardess und steward sind nun flight attendants und für waitress und waiter findet sich im Webster das Kunstwort waitron.

 

 Mankind wird zu humankind oder the human race, milkman zu delivery person, master copy zu primary copy, gentleman's agreement zu informal agreement.

 

 

Korrekte Bezeichnung für Personen mit Behinderungen

 

Im Deutschen ersetzen wir Krüppel durch Behinderter, cripple im Amerikanischen wird zu person with a mobility impairment oder auch person who is disabled, besser noch: person who is differently abled. Taub-stumm ist für uns durchaus akzeptabel, doch in den USA wird deaf-mute ersetzt durch person who can't hear or speak.

 

Bei uns gibt es längst keine Irren und keine entsprechenden Häuser mehr, auch keine geistig Zurückgebliebenen, sondern nach den Psychiatrischen Anstalten mit geistig Behinderten findet man nun Kliniken mit geistig Verwirrten. Im Amerikanischen wird aus mentally retarted a person who is mentally challenged.

 

 

Gehirnwäsche für Schüler und Studenten

 

 Jeder Schulbuchverleger in den USA achtet peinlichst auf politisch korrekte textbooks. Diane Ravitch schreibt in ihrem Buch: The Language Police: Dabei wird aus Texten für Kinder alles Farbige ausgemerzt, was potenziell zum Nachdenken anregen könnte. Das Endresultat der sprachpolizeilichen Aktivitäten ist, dass die Wortkenntnisse der Kinder verkümmern und ihr Wissen über die Welt eingeschränkt wird.

 

Ein Artikel über die Erdnuss dient Diane als Beispiel. Darin wird die Erdnuss als Gemüse beschrieben ähnlich den Erbsen und Bohnen und auf deren Nährwert hingewiesen. Das National Assessment Governing Board (NAGB) erhob Einspruchn, denn das könnte Kinder auf die Idee bringen, dass Erdnüsse ein gesunder Pausensnack sind.

 

Zur Geschichte der Erdnuss heißt es weiter: Erdnüsse wurden zuerst von den südamerikanischen Indianern, den Inkas kultiviert. Nachdem die spanischen Eroberer die Inkas besiegt hatten, kam die Erdnuss nach Europa. Später pflanzten afrikanische Sklaven die Erdnuss in den USA an. Der berühmte Wissenschaftler George Washington Carver fand hunderte Verwendungsmöglichkeiten für die Erdnuss.

 

 Als positiv in dem Text wurde die Erwähnung des Afro-Amerikanischen Wissenschaftlers Carver angesehen, doch dass europäische Eroberer einheimische Stämme besiegt hatten und der Ausdruck afrikanische Sklaven war den Sprachpolizisten untragbar. Nach Streichung der Eroberungsgeschichte und der Umbenennung der afrikanischen Sklaven in versklavte Afrikaner erhielt der Artikel schließlich sein Imprimatur.

 

Die Sprachpolizei schreckt selbst vor der Verstümmlung bekannter literarischer Texte nicht zurück. In der bekannten Fabel von Aesop: Der Fuchs und die Krähe sitzt Frau Krähe auf einem Ast mit einem Stück Käse im Schnabel, auf das Meister Fuchs Appetit hat. Eitel und dumm lässt sich die Krähe, vom Fuchs betört, dazu verleiten, ihren Schnabel zum schönen Gesang zu öffnen, worauf sich der intelligente und kluge Fuchs den herabfallenden Käse schnappt.

 

Das NAGB bemängelte hier das Geschlechtercliché: Frau dumm und eitel, Mann intelligent und klug und schlug vor, in der Fabel einem weiblichen Fuchs eine männliche Krähe gegenüberzustellen oder besser noch beide Geschlechter gleich zu machen.

 

Schließlich wird in den Schulbüchern noch die Geschichte politisch korrekt umgeschrieben, denn es ist untragbar, dass die US-Kavallerie Schlachten gewinnt, während die amerikanischen Indianer Massaker begehen.

 

 

Tabuthemen in Schultests

 

Bei den in den USA gebräuchlichen Schultests sind folgende Themen zu vermeiden (in alphabetischer Reihenfolge):

 

Abtreibung
Arbeitslosigkeit
Evolution
Gefährliche Situationen
Krankheit und Tod
Magie, Hexerei und Übernatürliches (Armer Harry Potter)
Persönliches Aussehen wie Länge und Gewicht
Politik
Religion
Soziale Probleme wie Kindesmissbrauch,
Abhängigkeit (Alkohol, Drogen) und Tierquälerei
Teure Verbrauchsgegenstände
Tiere, die ekelig oder schmutzig sind wie Skorpione, Ratten oder Küchenschaben
Ungehöriges und kriminelles Verhalten
Waffen und Gewalt

 

 

Verarmung der Sprache und Abnutzungserscheinungen

 

 Wegen der Vermeidung politisch nicht korrekter Wörter verarmt das Vokabular einer Sprache. George Orwell hat in seinem Buch 1984 die Sprache Newspeak eingeführt: Do you know that Newspeak is the only language in the world whose vocabulary gets smaller every year?

 

Problematisch ist, dass sich ursprünglich politisch korrekte Bezeichnungen mit der Zeit abnutzen. Anfänglich wurden so aus den negros black people, dann colored people und schließlich vermeintlich neutral African-Americans. Apropos Afrika: Es gibt keine afrikanischen Stämme mehr, die ihren Dialekt in Hütten palavern, sondern nur ethnische Gruppen, die ihre Sprache in kleinen Häusern sprechen.

 

 

 Schlussfolgerungen

 

 Die Hoffnung durch Änderung der Sprache eine Bewusstseinsänderung bei der Behandlung von Minderheiten, Volksgruppen etc. zu erreichen, hat sich nicht erfüllt. Hingegen verschwinden alte, kräftige Bezeichnungen aus dem täglichen Sprachgebrauch, neue Wortschöpfungen wirken dagegen vielfach gekünstelt. Es mag ja im Amerikanischen noch gehen, eine kurzgewachsene Person als vertically challenged zu beschreiben, dagegen wirkt eine vertikal herausgeforderte Person im Deutschen nur lächerlich.

 

 Stilistische Änderungen in literarischen Werken sind inakzeptabel. So wurde der Text How many roads must a man walk down before you can call him a man? aus Bob Dylans populärem Lied: Blowin’ in the Wind in die zudem noch grammatikalisch falsche Form pervertiert: How many roads must an individual walk down before you can call them an adult?

 

 

Chanukka (Weihefest) das jüdische Lichterfest beginnt am 25. Tag des Monates Kislew (November/Dezember) und dauert 8 Tage. Chanukka erinnert an die Wiedereinweihung des zweiten jüdischen Tempels in Jerusalem im Jahre 164 v. Chr.

Kwanzaa ist eine Feiertagswoche, die von einigen schwarzen Amerikanern anstatt oder zusätzlich zu Weihnachten begangen wird. Die Dauer beträgt meist eine Woche.

Lucia (* um 283 in Syrakus, Italien; † um 303 in Syrakus) ist eine frühchristliche Heilige und Märtyrerin. Der Gedenktag am 13. Dezember wird oft verbunden mit Lichtriten, da er vor der Gregorianischen Kalenderreform auf die Wintersonnenwende fiel.

Befana (italienisch: aus Epifania) nach dem Fest der Erscheinung des Herren (Heilige Drei Könige). Der Sage nach soll die gute Fee von den Hirten die Frohe Botschaft gehört haben. Der Stern sollte sie zur Krippe führen. Da sie aber zu spät aufbrach, verpasste sie den Stern.

Basilius von Caesarea (* um 330 in Caesarea, Kappadokien; † 1. Januar 379 daselbst) wurde schon zu Lebzeiten als Basilius der Große bezeichnet. Er war als Asket, Bischof und Kirchenlehrer Vorbild für das gelehrte Mönchtum und wird er in der orthodoxen Kirche besonders verehrt.

 

 

 

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Referenzen

 

Iris Radisch: Kaufen, kaufen, kaufen! Die Zeit, 51, 87, 14. Dezember 2006

 

AP Mitteilung vom 12. Dezember 2006 aus Seattle über Rabbi Elazar Bogomilsky und die fehlende Menora

 

DianeRavitch, The Language Police, How pressure groups restrict what students learn,

Vintage Books, NewYork 2003

 

Englische Wikipedia: Political Correctness

 

Deutsche Wikipedia: Politische Korrektheit

 

 

This page was last updated on 28 Februar, 2013