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Einsteins undeutsche Physik

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wissenschaft und Rassenideologie

 

Einsteins Abkehr von der klassischen Physik war für viele geheime Räte und Ordinarien nicht nachvollziehbar. Zwar hatte Michelson mit seinen Versuchen zur Lichtgeschwindigkeit diese als eine Naturkonstante etabliert, doch deshalb die Newtonschen Mechanik aufzugeben, wenn auch nur bei sehr hohen Geschwindigkeiten, war vielen Physikern entweder nicht geheuer, anderen einfach unverständlich. Vor allem die Experimentalphysiker warfen den mathematischen Physikern vor, ihre modernen Theorien, die sich damals experimentell noch nicht bestätigen ließen, nur auf - auch bei Einstein so beliebte - Gedankenexperimente zu stützen.

 

Auf dem Kongress der Naturforscher und Ärzte 1920 in Bad Nauheim kam es dann ausgerechnet unter dem Sitzungsleiter Max Planck zum Hahnenkampf (wie Einstein es formuliert hat) zwischen dem Nobelpreisträger und Ordinarius für Physik in Heidelberg Philipp Lenard und dem damals noch nicht Nobelpreisträger Einstein. Als Lenard Anschaulichkeit in der Relativitätstheorie anmahnte, antwortete Einstein ihm recht aggressiv: Was der Mensch als anschaulich betrachtet, ist großen Änderungen unterworfen, ist eine Funktion der Zeit. Ein Zeitgenosse Galileis hätte dessen Mechanik auch für sehr unanschaulich erklärt. Diese anschaulichen Vorstellungen haben ihre Tücken, genau wie der viel zitierte gesunde Menschenverstand.

 

Im Völkischen Beobachter vom 3. Januar des gleichen Jahres konnte man dann einen Aufsatz eines damals noch recht unbekannten Adolf Hitler lesen: Wissenschaft, einst unseres Volkes größter Stolz, wird heute gelehrt durch Hebräer, denen diese Wissenschaft nur Mittel ist zur bewussten planmäßigen Vergiftung unserer Volksseele und dadurch zur Herbeiführung des inneren Zusammenbruchs unseres Volkes.

 

Wissenschaftlichen Streit zwischen Experten hat es immer gegeben - man denke nur an die Angriffe Goethes gegen Newtons Farbenlehre - und wird es auch weiterhin geben (Kernenergie). Der Streit um die Relativitätstheorie jedoch erhielt bereits in den 20er Jahren eine politisch rassistische Dimension.

 

Zunächst aber schob der Nobelpreisträger - und seit 1933 Präsident der Physikalisch-Technischen-Reichsanstalt - Johannes Stark bei der Einweihung des Philipp-Lenard-Instituts in Heidelberg im Jahre 1935 scheinbar wissenschaftliche Argumente in den Vordergrund: Einsteins Relativitätstheorien waren im Grunde nichts weiter als eine Anhäufung von gekünstelten Formeln auf Grund von willkürlichen Definitionen und Transformationen von Raum- und Zeitkoordinaten. Auf die Sensation und Reklame der Einsteinschen Relativitätstheorie folgte die Matrizentheorie Heisenbergs und die sogenannte Wellenmechanik Schrödingers, die eine so undurchsichtig und formalistisch wie die andere. Trotz der Anhäufung derartiger theoretischer Literatur zu Bergen hat sie aber keine bedeutende Erkenntnis von Wirklichkeit in der Physik gebracht.

 

Die konservativen Physiker nutzten nach der Machtübernahme die Naziideologie zur Durchsetzung der die Wirklichkeit beschreibenden und Wahrheit suchenden Nordischen Physik gegen die theoretisch-spekulative Einstein- und Quantenphysik.

 

Im Januar 1936 erschien dann ein Artikel im Völkischen Beobachter mit dem Titel Deutsche Physik und Jüdische Physik. Diesen Begriff hatte Philipp Lenard 1935 in seinem 4-bändigen Lehrbuch Deutsche Physik geprägt. Er schreibt im Vorwort der Mechanik: Mit Kriegsende 1918, als die Juden in Deutschland herrschend und tonangebend wurden, ist die jüdische Physik in ihrer ganzen Eigenart plötzlich überschwemmungsartig hervorgetreten ... Um sie kurz zu charakterisieren, kann am gerechtesten und besten an die Tätigkeit ihres wohl hervorragendsten Vertreters, des wohl reinblütigen Juden A. Einstein, erinnert werden. Seine "Relativitäts-Theorien" wollten die ganze Physik umgestalten und beherrschen; gegenüber der Wirklichkeit haben sie aber nun schon vollständig ausgespielt. Sie wollten wohl auch gar nie wahr sein. Dem Juden fehlt auffallend das Verständnis für Wahrheit, für mehr als nur scheinbare Übereinstimmung mit der von Menschendenken unabhängig ablaufenden Wirklichkeit, im Gegensatz zum ebenso unbändigen wie besorgnisvollen Wahrheitswillen der arischen Forscher.

 

Im Juli 1937 brachte die SS-Zeitung Das Schwarze Korps einen Aufsatz von Johannes Stark: Weiße Juden in der Wissenschaft:

 

 Neben den Juden Einstein und Fritz Haber haben deren Gesinnungsgenossen Arnold Sommerfeld und Max Planck unumschränkt die Nachwuchsfragen der deutschen Lehrstühle geregelt und haben die studentische Jugend ausschließlich in ihrem Geiste ausgebildet. Der jüdische Geist hat mit Einstein als Eckstein in Heisenberg seinen Statthalter im neuen Deutschland gefunden. Er hat seinen deutschen Assistenten entlassen und dafür erst den Wiener Juden Beck, dann den Züricher Juden Bloch eingestellt. Weiter wird Heisenberg in dem Artikel als Ossietzky der Physik bezeichnet.

 

Daraufhin verlangte Heisenberg ganz im Stile der Zeit im Juli 1937 in einen Brief an Heinrich Himmler die Wiederherstellung seiner Ehre: 

 

 Ich muß um eine grundsätzliche Entscheidung bitten: Wenn die Ansichten des Herrn Stark mit denen der Regierung übereinstimmen, werde ich selbstverständlich um meine Entlassung bitten. Wenn das aber nicht der Fall ist, wie mir vom Reichserziehungsministerium ausdrücklich versichert wurde, dann bitte ich Sie als Reichsführer der SS um einen wirksamen Schutz gegen solche Angriffe in der Ihnen unterstellten Zeitung.

 

Erst im Juli 1938 und nach vielen Verhören Heisenbergs in der Berliner Gestapozentrale in der Prinz-Albrecht-Straße schrieb ihm Himmler zurück:

 

 Ich habe, gerade weil Sie mir durch meine Familie empfohlen wurden, Ihren Fall besonders korrekt und besonders scharf untersuchen lassen. Ich freue mich, Ihnen heute mitteilen zu können, dass ich den Angriff des Schwarzen Korps durch seinen Artikel nicht billige und dass ich unterbunden habe, dass ein weiterer Angriff gegen Sie erfolgt.

 

Ich hoffe, dass ich Sie im Herbst – allerdings erst sehr spät, im November oder Dezember – einmal bei mir in Berlin sehen kann, so dass wir uns eingehend mündlich von Mann zu Mann aussprechen können.

Mit freundlichen Gruss und Heil Hitler ! Ihr H. Himmler

 

PS. Ich halte es allerdings für richtig, wenn Sie in Zukunft die Anerkennung wissenschaftlicher Forschungsergebnisse von der menschlichen und politischen Haltung des Forschers klar vor Ihren Hörern trennen.

 

 Dass Heiseberg damals so ungefährdet nicht war, davon zeugt ein Brief Himmlers an Reinhard Heydrich: Wir können es uns nicht leisten, diesen jungen Mann tot zu machen. Die unmittelbare Folge war, dass Heisenberg den begehrten Lehrstuhl seines Lehrers Sommerfeld in München nicht bekam.

 

Schließlich kam es 1942 nach langen Auseinandersetzungen zwischen den Modernisten und den Deutschen Physikern zu einem Kompromiss in Fragen der modernen Physik. Heisenberg hat die Diskussionen, die abschließend in Seefeld in Tirol stattfanden, nach dem Krieg als Religionsgespräche bezeichnet, an deren Ende folgendes Glaubensbekenntnis stand:

 

1. Die theoretische Physik mit allen mathematischen Hilfsmitteln ist ein notwendiger Bestandteil der Gesamtphysik. Das mussten die Deutschen Physiker den Modernisten zugestehen, die ihrerseits einräumen, dass weitere experimentelle Beweise für die Gültigkeit der modernen Physik nicht nur wünschenswert wären, sondern nötig sind.

 

2. Die in der  Relativitätstheorie zusammengefassten Erfahrungstatsachen gehören zum festen Bestand der Physik. Es ließ sich nicht leugnen, dass viele experimentelle Ergebnisse sich mit der Relativitätstheorie erklären lassen. Schon Einstein hatte festgestellt: Bei der Relativitätstheorie handelt es sich keineswegs um einen revolutionären Akt, sondern um eine natürliche Fortentwicklung einer durch Jahrhunderte verfolgbaren Linie. So sah man es auch im Dritten Reich. Die Relativitätstheorie durfte deshalb weiter gelehrt, allerdings Einsteins Name nicht erwähnt werden.

 

3. Die Quanten- und Wellenmechanik ist das einzige zur Zeit bekannte Hilfsmittel zur quantitativen Erfassung der Atomvorgänge. Hier hegten die Deutschen Physiker die Hoffnung, dass der ganze Quantenzauber der Atomystik durch eine noch zu findende neue Physik eines Tages verschwinden würde und gifteten: Je mehr Erfolg die Quantentheorie hat, desto dümmer sieht sie aus.

 

Ironischerweise gehörte Einstein zu diesen Deterministen. Seine Einstellung gründete in seiner Religiosität: Sie werden schwerlich einen tief schürfenden wissenschaftlichen Geist finden, dem nicht eine eigentümliche Religiosität eigen ist (..) [Diese] Religiosität liegt im verzückten Staunen über die Harmonie der Naturgesetzlichkeit, in der sich eine so überlegene Vernunft offenbart, dass alles Sinnvolle menschlichen Denkens und Anordnens dagegen ein gänzlich nichtiger Abglanz ist.

 

Konsequenterweise meinte er zur Unbestimmtheit in der Quantenmechanik: Es scheint hart, dem Herrgott in die Karten zu gucken. Aber daß er würfelt und sich telepathischer Mittel bedient, wie es ihm von der gegenwärtigen Quantentheorie zugemutet wird, kann ich keinen Augenblick glauben.

 

Zeit seines Lebens hat Einstein versucht, die Quantentheorie durch Gedankenexperimente zu widerlegen. So auch 1935 zusammen mit Boris Podolsky und Nathan Rosen mit dem bekannten EPR-Paradoxon*.

*Durch einen räumlichen Abstand getrennte Messungen in einem Quantensystem beeinflussen sich gleichzeitig, was mit einer endlichen Lichtgeschwindigkeit nicht vereinbar ist. Die Quantenmechanik beschreibt mikrogeometrische Vorgänge nicht vollständig. Es gibt physikalische Erscheinungen, zu deren Erklärung man sogenannte verborgene Parameter verwenden muss.

 

Die ideologischen Auseinandersetzungen im Dritten Reich dagegen beeindruckten Einstein in seinem amerikanischen Exil in Princeton wenig. Sie bestärkten ihn höchstens in seiner Abneigung gegen alles Deutsche. Nach dem Krieg lehnte er jeden Kontakt mit Deutschland ab. Mitten im Krieg 1942 schrieb Einstein unter dem Eindruck des Krieges an Otto Juliusburger Sätze, die mit seiner pazifistischen Einstellung nur schwer vereinbaren lassen: Die Deutschen sind ein durch schlechte Traditionen so übel verhunztes Volk, dass es schwer sein wird, eine Remedur (Abhilfe) durch vernünftige oder gar humane Mittel zu erreichen. Ich hoffe, sie werden sich am Ende des Krieges mit Gottes gütiger Hilfe weitgehend gegenseitig totschlagen.

 

Auch nach dem Krieg hat Einstein aus seiner antideutschen Einstellung nie einen Hehl gemacht, so auch nicht, als Otto Hahn ihn nach dem Krieg bat, der neugegründeten Max-Planck-Gesellschaft beizutreten. Einstein antwortete ihm am 28. Januar 1949:

 

Lieber Herr Hahn!

 

Ich empfinde es als schmerzlich, dass ich gerade Ihnen, d. h. einem der Wenigen, die aufrecht geblieben sind und ihr Bestes taten während dieser bösen Jahre, eine Absage senden muss. Aber es geht nicht anders. Die Verbrechen der Deutschen sind wirklich das Abscheulichste, was die Geschichte der sogenannten zivilisierten Nationen aufzuweisen hat. Die Haltung der deutschen Intellektuellen - als Klasse betrachtet - war nicht besser als die des Pöbels. Nicht einmal Reue und ein ehrlicher Wille zeigt sich, das Wenige wieder gut zu machen, was nach dem riesenhaften Morden noch gut zu machen wäre. Unter diesen Umständen fühle ich eine unwiderstehliche Aversion dagegen, an irgendeiner Sache beteiligt zu sein, die ein Stück des deutschen öffentlichen Lebens verkörpert, einfach aus Reinlichkeitsbedürfnis.

 

Sie werden es schon verstehen und wissen, dass dies nichts zu tun hat mit den Beziehungen zwischen uns beiden, die für mich stets erfreulich gewesen sind.

 

 Ich sende Ihnen meine herzlichen Grüsse und Wünsche für fruchtbare und frohe Arbeit,

 

Ihr Albert Einstein

 

This page was last updated on 28 Februar, 2013