Red Barons Webseiten

 

 

Radeltour 2003

 

Weimar

  Jena  

Naumburg

Merseburg

 Halle  

Bernburg

Otto Reutter

Zurück

Otto Reutter

In 50 Jahren

Zurück

 

Der Überzieher

Eine traurige Geschichte

 

Kennen Sie denn die Geschichte
Von dem Überzieher schon,
Den sich kaufte der Herr Fichte
Bei der Firma Stern und Sohn?
Dieser Paletot war 'n Prachtstück,
Und der Preis war gar nicht stark;
Neunundvierzig Mark und achtzig,
Nicht mal ganze fünfzig Mark.
Der Herr Stern sprach: »Sein Sie froh,
's ist mein schönster Paletot.

 

Gebn Sie acht - auf die Pracht!
's wird gestohln bei Tag und Nacht.
Gehn Sie mal - im Lokal,
Hängn Sie 'n vor sich auf im Saal.
Schaun Sie 'n dann - immer an,
Bleibt der Überzieher dran.
Sehn Sie weg - von dem Fleck,
Ist der Überzieher weg!«

 

Fichte ging ins Wirtshaus leider.
War da
'n Zettel angebracht:
»'s gibt keinen Raum für Überkleider,
Jeder Gast geb selber acht!«
Einen Haken fand Herr Fichte
Hinten nur - 's war ärgerlich,
Darum dreht er sein Gesichte,
Hängt den Mantel hinter sich
Und nun saß er wie gebannt,
Schaute immer nach der Wand.

 

»Ist er weg - ist er hier?
Ja, da hängt der Uberziehr.
Ist er hier? Ist er weg?
Nein, er hängt noch auf dem Fleck.
Schau ich stier - hinter mir,
Hab ich meinen Überziehr.
Seh ich weg - von dem Fleck,
Ist der Überzieher weg.«

 

Fichte rief nun: »Kellner! Essen!«
Der bracht 's Essen ihm und ging.
Nun hat Fichte nicht vergessen,
Daß der Mantel hinten hing,
Denn ihm schien - das war gefährlich,
Als ob alle Gäste hier
Schauten gierig und begehrlich
Nur nach seinem Überziehr.
Darum kam's, daß, als er aß,
Er den Mantel nicht vergaß.

 

»Essen hier - da das Bier,
Und da hängt der Überziehr.
Oben kaun - hier verdaun -
Und dabei nach hinten schaun.
Schau ich stier - hinter mir,
Schmeckt kein Essen und kein Bier,
Seh ich weg - von dem Fleck,
Ist der Überzieher weg.«

 

 

 

 

 

Nun mag sein: Durch die Bewegung,
Durch das Drehen beim Souper
Kam sein Korpus in Erregung,
Und er kriegte Magenweh.
»Gut«, sagt er, »das geht vorüber«,
Wollt zu der bewußten Tür,
Die ihm grade gegenüber -
»Halt!« denkt er, »der Überziehr!«
Setzt sich wieder hin ganz sacht
Und hat kummervoll gedacht:

 

»Wenn zur Tür - ich marschier,
Nimmt man mir den Überziehr.
In der Eck - im Versteck
Gehn die Magenschmerzen weg.
Bleib ich hier - im Revier,
Bleibn die Magenschmerzen mir.
Geh ich weg - von dem Fleck,
Ist der Überzieher weg!

 

Ja, da gibt es nichts zu lachen,
Gab es so etwas wohl frühr?
Mußt man sich da Sorgen machen
Wegen einem Uberziehr?
Stundenlang konnt man da sitzen
Hinter der bewußten Tür
Und braucht' keine Angst zu schwitzen
Wegen seinem Überziehr.
Man ging raus, das ist doch klar,
Wenn Gefahr im Anzug war.

 

Man saß froh - anderswo,
Und da hing der Paletot.
Kam zur Tür - man herfür,
Sah man seinen Überziehr.
Spürt man heut - innres Leid,
Denkt man erst ans Überkleid.
Geht man weg - von dem Flek,
Ist der Überzieher weg!«

 

So dacht Fichte - und blieb sitzen.
Aber schließlich mußt er raus.
Plötzlich sprach er: »Das wird nützen:
Trittst jetzt mit dem Mantel aus!
Brauchst ihn ja nicht anzuziehen.
Das erschüttert dich zu sehr.
Nimmst ihn übern Arm beim Fliehen
Und kommst nachher wieder her.«
Er stand auf - und setzt sich hin;
Alles fuhr ihm durch den Sinn:

 

 

 

 

 

 

 »Essen, Bier - kriegt ich hier,
Hab noch nicht bezahlt dafür.
Magenschmerz - drückt mein Herz
Und der Kellner anderwärts.
Wart ich prompt - bis er kommt,
Weiß ich nicht, ob mir das frommt.
Geh ich weg - von dem Fleck,
Ist der Überzieher weg!

 

Nehm ich mir - 'n Überziehr
Übern Arm, schaut man nach mir,
Denn der Raum, der mein Traum,
Ist zwei Schritt vom Ausgang kaum.
Steh ich auf - und ich lauf
Mit dem Rock - hält man mich auf!
„Nicht vom Fleck! - Der will keck
Mit'nem Überzieher weg.“

 

Alles schwirrt, kracht und klirrt,
Bis der Wirt gerufen wird.
Schließlich irrt - auch der Wirt,
Schimpft mit mir und wird verwirrt.
's kommt ein Gast - und der faßt
Meinen Mantel voller Hast
Und ruft keck: „Dieser Geck
Nahm mir'n Überzieher weg!“

 

Will ich dann - zu dem ran,
Kommt der Kellner hinten an:
„Bleibn Sie hier! - Nicht zur Tür!
Zahln Sie erst die Zeche mir!“
Bis ich zahl -voller Qual,
Ist der raus aus dem Lokal,
Ich am Fleck - ohne Zweck
Und der Überzieher weg.

 

Bis ich näh'r - das erklär,
Dazu drängt die Zeit zu sehr.
Das Malheur - kommt vorher -
Hab den Gang nicht nötig mehr. -
Wie ich's mach - 's gibt 'nen Krach,
Da hilft gar kein Weh und Ach!
Hab den Schreck - und den Dreck
Und den Überzieher weg!«

 

 

Otto Reutter

In 50 Jahren

Zurück

 

This page was last updated on 28 Februar, 2013