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Der Mythos der deutschen Atombombe

 

 

 

 

 

Walter Gerlach

 

 

 

 

 

 

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Die deutsche Bombe, ein Hirngespinst? (1943/44)

 

Die Furcht der Amerikaner vor einem deutschen Atombombenabwurf nahm Weihnachten 1943 hysterische Züge an, als man in dem damaligen Noch-Zentrum der Atomforschung Chicago Strahlendetektoren aufstellte und die Wissenschaftler ihre Familien vorsorglich aufs Land schickten.  

 

In der Tat, das Office of Strategic Services (OSS) in Washington geleitet von Wild Bill Donovan hatte bis Ende 1943 praktisch keine harten Informationen über das deutsche Atomprogramm. Es musste etwas geschehen, denn die amerikanischen Wissenschaftler warfen inzwischen den Militärs vor, die Gefahr einer deutschen Atombombe nicht ernst zu nehmen. Schließlich müsse in Deutschland nur jemand auf eine clevere Idee kommen, wie sich U235 leicht von U238 trennen lässt.

 

Da unterrichtete im Januar 1944 der britische Geheimdienst die Amerikaner, dass die Atomforschung in Deutschland lediglich auf den Bau eines Reaktors gerichtet sei. Darüber hinaus erfuhr Paul Rosbaud, der Herausgeber der Zeitschrift Naturwissenschaften und Informant der Engländer im Dezember 1944 durch seinen Freund den Physiker Walter Gerlach, dass der deutsche Atomreaktor noch nicht einmal Kritikalität erreicht habe. Der Leiter des Manhattan-Projekts General Groves ignorierte all diese Informationen. Schließlich wollte er seine Wissenschaftler bei der Stange halten.

 

Die Rolle des amerikanischen Geheimdienstes in dieser Zeit bleibt vollkommen undurchsichtig. Als im Dezember 1944 Werner Heisenberg zusammen mit Karl Friedrich von Weizsäcker von Paul Scherer zu einem weiteren wissenschaftlichen Vortrag an die ETH Zürich eingeladen wurde, saß im Hörsaal der OSS-Agent und ehemalige Baseballspieler Morris Berg, den Alan Dulles mit Paul Scherrers Hilfe dort eingeschleust hatte. Zwar hatte Berg einen Crash-Kurs in Physik bei Bob Robertson in England in Physik absolviert, konnte aber ähnlich wie der Experimentalphysiker Scherrer den theoretischen Ausführungen Heisenbergs, der über die Streumatrix vortrug, nicht folgen. Zu der Zeit wusste niemand im Saal, dass Berg eine geladene Pistole bei sich trug, um den Leiter des deutschen Atomprojekts zu erschießen, sollte der sich zur deutschen Bombe äußern. Zu diesem politischen Mord in der neutralen Schweiz ist es bekanntlich nicht gekommen. Die Nachsitzung zum Physikalischen Seminar, bei der Heisenberg einige unpassende Bemerkungen zur Ardennenoffensive einfließen ließ, fand im Restaurant Kronenhalle statt. Morris Berg begleitet Heisenberg von dort aus allein zu seinem Hotel und war anschließend überzeugt, dass es keine deutsche Atombombe gab.

 

 

Offene Fragen

 

Es bleiben offene Fragen. Nahm der amerikanische Geheimdienst trotz aller gegenteiligen Informationen tatsächlich noch im Dezember 1944 an, dass Deutschland über eine Atombombe verfügte? Verließ sich das OSS dabei auf das Entscheidungsvermögen eines Killers oder war der geplante Anschlag auf Heisenberg nur ein Bluff, um bei der Nachwelt den Eindruck zu erwecken, man sei noch bis Ende 1944 davon überzeugt gewesen, die Deutschen hätten eine Atombombe besessen.

 

So ließ sich die Arbeitsmoral der Wissenschaftler am Manhattan-Projekts ohne Schwierigkeiten bis zum Frühjahr 1945 aufrechterhalten. Dass die Sorge über einen erlahmenden Arbeitseifer der Amerikaner nicht unbegründet war, zeigten die moralischen Zweifel einiger Mitarbeiter nach der Niederlage Deutschlands. Diese wurden durch den Eindruck der atomaren Testexplosion in der Wüste von Nevada noch verstärkt: Sollte man für ein rasches Kriegsende den Japanern die Wirkung der Bombe nur demonstrieren, oder sie tatsächlich abwerfen?

 

This page was last updated on 07 Mai, 2017